Covid-19 Infektion und ME/CFS

 

Es zeichnet sich ab, dass PatientInnen teilweise noch Wochen bis Monate nach einer durchgemachten SARS-CoV-2-Infektion an postviralen Symptomen wie z..B. Muskel- und Kopfschmerzen, Dyspnoe, Fatigue, Belastungsintoleranz, Schwindel, Herzrasen und Konzentrationsstörungen leiden. Diese Symptome, die sich bei einigen schon im März erkrankten PatientInnen bis heute nicht zurückgebildet haben, können die Lebensqualität stark einschränken und nicht selten zur Arbeitsunfähigkeit führen. Man spricht international von „Long-COVID-PatientInnen“ oder „Long haulers“, in Deutschland hat sich der Begriff „Post-COVID“ etabliert.

 

Das Krankheitsbild des Post-COVID ähnelt teilweise dem von ME/CFS, welches ebenfalls häufig mit einer viralen Infektion beginnt, und viele Post-COVID-PatientInnen holen sich in internationalen Patientenforen bei ME/CFS-PatientInnen Rat.

Sport- und Aktivierungstherapien können Schaden

Die von behandelnden ÄrztInnen häufig empfohlenen Reha-Maßnahmen können bei PatientInnen zu schweren Schäden führen, wie auch die klinische Erfahrung von medizinischen Experten mit ME/CFS-PatientInnen zeigt. Deswegen haben die National Institutes for Health and Care Excellence (NICE), unserer britischen Nachbarn, in einem Statement festgehalten, dass bei Post-COVID-PatientInnen von der im Zusammenhang mit ME/CFS schon seit Jahren umstrittenen Aktivierungstherapie, bekannt als graded excercise therapy (GET), abzuraten ist.

 

Das British Medical Journal empfiehlt ebenfalls, PatientInnen anzuhalten, ihre individuelle Belastungsgrenze nicht zu überschreiten.

 

Auch die Frankfurter Kardiologin Dr. im Interview mit RND  „Vor allem junge und sportlich aktive Patienten, die unter Myokarditis als Spätfolge ihrer Covid-Infektion leiden, versuchen, Müdigkeitserscheinungen durch Training zu bekämpfen. Das sollten sie lieber nicht tun“.

Folgen nach Covid19 Infektionen noch nicht voll erfasst

In frühen Stadien sind postvirale Symptome häufig selbstlimitierend. Es ist daher noch nicht sicher, wie viele Post-COVID-PatientInnen in Folge an ME/CFS erkranken werden. Derzeit geht man – aufgrund der Erfahrung aus früheren Epidemien sowie vorläufigen empirischen Daten aus Untersuchungen mit COVID-PatientInnen – von geschätzten 10 % aller Infizierten aus, die Zahl mag im Laufe der Zeit noch nach unten zu korrigieren sein (BMJ 2020; 370. Management of post-acute covid-19 in primary care).

 

Weiterhin ist zu beachten, dass einige der PatientInnen nie einen SARS-CoV-2-Test erhielten, weil sie die zu Beginn der Pandemie sehr strengen Kriterien zur Indikation nicht erfüllten. Zudem sind falsch-negative Tests keine Seltenheit. Auch diese PatientInnen müssen Zugang zur medizinischen Versorgung bekommen.

 

Medienberichte über Menschen mit mildem akuten Krankheitsverlauf, unter ihnen insbesondere auch jüngere Menschen, die chronische Symptome entwickeln, häufen sich und immer mehr Ärzte warnen vor noch nicht absehbaren Folgeerkrankungen.

 

Langzeitbetroffenen in Deutschland, haben sich mit einem Schreiben und konkreten Forderungen an das Bundesgesundheitsministerium und das Bundeskanzleramt gewandt, um auf die aktuelle Lage aufmerksam zu machen und Ihre Sorge der derzeitigen Unterversorgung zum Ausdruck zu bringen.

 

Post-Covid-Symptome können sehr unterschiedlich sein und sind oft nicht auf einen Körperteil beschränkt.

 

Mögliche Beteiligungen/ Folgeerkrankungen (Auszug)

  • Lungenprobleme
  • Immunsystem
  • Zentralnervensystem
  • Herz-Kreislauf-System
  • Hypophysenfunktionsstörungen
  • Blutgerinnung
  • Kardiomyopathie
  • Tachykardie
  • POTS
  • ME/CFS
  • Mastzellaktivierungssyndrom
  • Menstruationsveränderungen
  • erektile Dysfunktion
  • Beschädigung der Blut-Hirn-Schranke

 

Das Tückische: Corona kann auch bei nahezu symptomlosen Infektionen chronische Folgeerkrankungen auslösen.

 

Auch Kinder sind betroffen. So rechnet die American Academy of Pediatrics das etwa 11 Prozent der US-amerikanischen Covid-19-Fälle Kinder sind.

Wissenschaft beginnt mit Datenerhebung bei Post-Covid

Frau Professor Scheibenbogen vom Charité Fatigue Centrum und Frau Professor Behrends von der Kinderklinik der Technischen Universität München haben an ihren Ambulanzen jeweils eine Post-Covid CFS-Sprechstunde eingerichtet.

 

Auch an anderen Universitätskliniken in Deutschland entstehen immer mehr Post-Covid-Ambulanzen.

 

Es ist unerlässlich, dass die spezialisierten Post-COVID-Nachsorgeambulanzen die notwendige Unterstützung bekommen, um Wissen zu bündeln und PatientInnen optimal versorgen zu können.

 

Die langfristigen Auswirkungen des Virus sollten so untersucht werden, wie es bei jeder anderen Krankheit der Fall wäre, unter Berücksichtigung von Epidemiologie, Pathophysiologie und Management. "Wir wissen immer noch sehr wenig über COVID-19, aber wir wissen, dass wir nicht bekämpfen können, was wir nicht messen", zitiert eine Gruppe von Ärzten, die sich bei der Ausübung ihrer Arbeit selbst infizierten und nach überstandener Erkrankung nicht wieder zur vollen Gesundheit zurückkehrten, einen Kollegen.

Alwan et al. MANAGEMENT OF LONG COVID, From doctors as patients: a manifesto for tackling persisting symptoms of covid-19

weitere Informationen zu ME/CFS und Covid-19

Eine Botschaft von EUROMENE an Menschen mit ME/CFS während der COVID-19-Pandemie mehr

 

Umfassender Bericht über mögliche Langzeitsymptomen nach Covid-19 bei Vox.com (englisch)

 

Zusammenfassung der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS.

Kritik

Die aktuell aufkommenden Publikationen aus dem Bereich der Psychologie, postinfektiöse Symptome als "Hysterie" oder "posttraumatische Belastungsreaktion" zu deuten, sind ebenso wenig fundiert wie das jahrelange fälschliche Einstufen von ME/CFS als psychosomatische Erkrankung. Leider muss man feststellen, dass durch diese fehlerhafte Bewertung von ME/CFS viele Jahre möglicher Forschungsaktivität verloren gingen und zahllose Patienten durch unangemessene Behandlungen eine Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes hinnehmen mussten."

 

(Quelle: zum Teil aus einem gemeinsamen Anschreiben an die Gesundheitsministerkonferenz 2020 durch PatientenvertreterInnen der Organisationen zur Erkrankung Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom)

 


PM LVS: COVID-19 bietet eine einzigartige Chance, postinfektiöse Krankheiten wie ME/CFS in seinen Spuren zu erfassen
PM 12. Mai 2020 Final.pdf
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